Japan - Das Land der Gegensätze

Kein Land der Welt fasziniert mich so sehr wie Japan. Reich an Kultur, das Essen ist großartig, die Menschen immer höflich und freundlich - aber auch die Kunst der Kalligraphie, das minimalistische Design, die Suche nach der Perfektion im Unperfekten, sowie die Teekultur faszinieren mich. Mal ganz traditionell, dann wieder laut, bunt und schräg.

Perfektion im Unperfekten

Wer schon einmal in einem japanischen Restaurant essen war, und ich meine in einem »richtigen« japanischen Restaurant, nicht in eines der vielen Sushi-Schnellimbisse, die an jeder Ecke wachsen, dem werden die feinen Keramikschälchen und Schalen aufgefallen sein, in denen das Essen angerichtet wird. Sie sind meist krumm und schief. Eine Schale ist nicht exakt rund, sondern hat Beulen, aufgerissene Stellen. Die Glasur, meist in Erdtönen braun bis hell-beige, ist nicht gleichmäßig aufgetragen. Auf den ersten Blick mag solch eine Schale nach schlechter Handwerkskunst aussehen, denn wir Europäer kennen eher das reinweiße, makellose Porzellan. Doch gerade in dieser Unvollkommenheit steckt wahre Schönheit. Jedes Schälchen, in Handarbeit gefertigt ist einzigartig und ich entdecke bei näherer Betrachtung auch heute an meiner Tee-Schale immer noch neue Stellen, die ich vorher so nicht gesehen habe. Die Japaner nennen dies »wabi-sabi«. Eine Philosophie die sich auf die Akzeptanz von Vergänglichkeit und Unvollkommenheit konzentriert. Die Ästhetik wird manchmal als eine Schönheit beschrieben, die »unvollkommen, unbeständig und unvollständig« ist. Als Designer lasse ich etwas von dieser Philosophie auch immer in meine Arbeiten mit einfließen. Denn erst wenn etwas nicht bestimmten Mustern folgt, heraussteht oder mit den bekannten Gesetzen bricht, erzeugt Design das, was ich als Spannung bezeichne.

Die Kunst der jap. Kalligraphie

Kalligraphie ist bekanntlich die Kunst des Schönschreibens. In Japan geht diese Technik aber noch einen Schritt weiter. Die japanische Kalligraphie nennt man »Shodō« für »Weg des Schreibens« und ist eine expressive Darstellung eines persönlichen Ausdrucks, oder einer inneren Haltung. Auch bei dieser Kunstform geht es um Perfektion. Aber eben nicht um jene, wo jeder Strich exakt dem Duktus des anderen Strichs entsprechen muss. Der Betrachter soll die Persönlichkeit des Künstlers erfassen. Auch wenn sowohl das Arbeitsmaterial, der Ablauf, als auch die Strichfolge streng definierten Regeln folgt, ist doch das Endergebnis immer einzigartig. Spannend finde ich zum Beispiel die Werke des berühmten japanischen Künstlers YU-ICHI (Inoue Yūichi 1916-1985) rechts im Bild.

Inoue Yûichi in seinem Atelier, 1984 (Foto: Itô Tokio)

Japanische Popkultur

Unterhaltungsangebote haben in Japan einen hohen Stellenwert. Nach der Öffnung Japans nach Außen 1854 und somit dem Ende der Isolation, war alles was aus dem Westen kam erst einmal neu und aufregend. Umso erstaunlicher, dass sich die Japaner trotz des Einflusses aus dem Westen ihre Traditionen und den größten Teil ihrer Kultur bewahren konnten. Die heutige Generation respektiert zwar noch die alten Traditionen, erfindet sich aber auch gerne neu. Es geht ihnen eher darum einfach Spaß zu haben, als strengen Konventionen zu folgen. So ist es in Japan zum Beispiel gar nicht unüblich, dass man auf den Straßen von Cosplayern gekreuzt wird (Verkleidungskünstler aus der Welt der Manga-Comics und Anime). Es geht um das Spielen an der eigenen Verwandlung und um das Ausbrechen aus dem Alltag. Auch findet man überall in den Städten Werbung und Hinweisschilder, auf denen niedliche Charakter im typischen Anime-Style abgebildet sind und einem den Weg weisen.

@agkdesign, unsplash

Was für uns eher befremdlich und kindlich wirkt, geht auf eine tiefverwurzelte Kunstform zurück: dem traditionellen »Holzschnitt«. Japaner lieben bildhafte Erklärungen. Warum eine Speisekarte lesen, wenn man eine bildhafte Darstellung des Gerichts, besser noch eine perfekte Nachahmung in Plastik (sog. Sampuru), in den Auslagen der Restaurants haben kann. Man drückt am Automaten vor dem Restaurant einfach den Knopf mit dem Gericht, welches einem am besten gefällt und voilà, 10 Minuten später kann der Gast seine heiße Nudelsuppe an der Theke genießen. Der Holzschnittkünstler Katsushika Hokusai 1760-1849 wird als der Mitbegründer der heutigen Maga-Kultur genannt. In Japan gibt es unzählige der kleinen Comics und Fans weltweit lieben es einmal in die Haut ihrer Lieblingscharaktere zu schlüpfen.

„Ich könnte seitenweise weiterschreiben. Alleine über die japanische Esskultur gibt es noch so vieles zu erzählen.“
— Nadine - isst am liebsten mit Stäbchen