Arbeiten im Flow

Jeder kennt ihn und hat ihn mindestens schon einmal erlebt – den Geisteszustand während einer Tätigkeit, bei der sich unsere Zeitwahrnehmung auflöst. In der wir uns ganz und gar auf eine Sache konzentrieren und voll in ihr aufgehen. Die Rede ist vom »Flow«. Ich persönlich erlebe ihn mehrmals die Woche - aber ausschließlich bei Tätigkeiten die mir Spaß machen. Warum es so wichtig ist bei der Arbeit Spaß zu haben und wie wir den »Flow« gezielt für unsere Produktivität nutzen können, darum soll es in diesem kleinen Beitrag gehen.

Donnerstag Nachmittag. Die letzte Mahlzeit ist schon wieder eine Weile her. Ich spüre wie mein Magen meinem Hirn versucht eine Botschaft zu senden. »Magen an Hirn. Ich könnt hier unten noch ne Kleinigkeit vertragen. Wat hamwa denn noch da?« Mein Blick wandert zur Uhr. Schon sechs durch. Seit ca. 4 Stunden befand ich mich im Flow und die Zeit stand scheinbar still. Mein Rücken schmerzt. Ich habe nicht gespürt in welch ungesunder Haltung ich die ganze Zeit verbracht habe. Auch wenn alles weh tut, diese Tage sind mir die Liebsten und ich gehe mit einem guten Gefühl nach Hause, denn heute habe ich wirklich was geschafft.

Die Macht des Flow


Ein kroatischer Psychologe*, herausragend auf seinem Gebiet, dessen Namen ich weder richtig lesen geschweige denn aussprechen kann, beschrieb 1975 die Eigenschaften des Flow (engl. für Fließen) und definierte ihn folgendermaßen: »Genuss, Freude, Kreativität und der Prozess vollständig Einssein mit dem Leben.« Es gibt in diesem Augenblick keine Vergangenheit und keine Zukunft, nur die Gegenwart. »Tolle Droge« mögen jetzt einige denken. »Wie komme ich an das Zeug?«

Es gibt leider keine Zauberformel um einen Flowzustand zu aktivieren, wann immer wir gelangweilt vor einer Aufgabe sitzen, bei der sich jede Minute endlos in die Länge zieht. Einfach die Vorspultaste drücken und die lästige Arbeit macht sich wie von allen? Schön wär’s.

Das Ziel soll sein, uns möglichst oft mit Dingen zu beschäftigen die diesen Zustand ganz automatisch in uns auslösen. Ein Beispiel: Welcher Mensch ist wohl glücklicher und lebt unter Umständen sogar länger? A) Derjenige, der sich morgens schon aus dem Bett quält und keine Motivation hat zur Arbeit zu gehen, weil er dort, unglücklich wie er ist, nur Tätigkeiten verrichten muss die für ihn unbefriedigend und nicht fordernd sind? Oder B) Derjenige, für den Arbeit nicht nur Arbeit ist, sondern für den Arbeit sogar »Spaß« machen kann. Für den es nicht nur ein Beruf, sondern womöglich sogar eine Berufung ist. Das Leben ist zu kurz für einen Job den wir hassen.

Leidenschaft ist der Schlüssel

Egal für was du dich begeistern kannst: sei es Gärtnern, Kochen, Videospiele spielen, Programmieren, Gestalten… Die Kunst ist, ganz in einem Erlebnis aufzugehen, ohne an etwas anderes zu denken oder von irgendetwas abgelenkt zu sein. Das Gegenteil geschieht, wenn wir uns mit einer Aufgabe befassen, dabei aber zerstreut sind und an andere Dinge denken. Wenn du Leidenschaft für eine Sache empfindest und dich die Aufgabe dabei auch noch geistig fordert, wird es dir ganz leicht fallen in einen Flowzustand zu geraten. Nicht nur kreative Berufe, die intensive Konzentration verlangen, lösen diesen Flow aus. Die meisten Sportler, aber auch Ingenieure oder zum Beispiel Schachspieler verbringen viel Zeit mit etwas, das sie in einen Flowzustand versetzt.

Drei essentielle Voraussetzungen für den Flow

1. Sich einer schwierigen, aber zu bewältigenden Anforderung stellen

Du solltest nur Aufgaben beginnen, die du auch beenden kannst. Die Anforderung sollte dabei leicht über den eigenen Fähigkeiten liegen. Ist die Anforderung zu einfach, ödet uns die Aufgabe höchstwahrscheinlich schnell an. Anspruchslose Tätigkeiten lösen Trägheit und Langeweile aus. Setzt du dir zu hohe Ziele, wirst du sehr wahrscheinlich bei der erstbesten Gelegenheit frustriert aufgeben. Am besten wählt man also etwas, was in der Mitte von beidem liegt, was den eigenen Fähigkeiten entspricht, aber doch schwierig genug ist, um eine Herausforderung darzustellen. Solche Aufgaben spornen einen dazu an, bis zum Schluss durchzuhalten, weil sie einem das angenehme Gefühl vermitteln, über sich selbst hinauszuwachsen.

2. Sich klare, konkrete Ziele setzen

In allen Tätigkeiten kommt es vor allem darauf an, erst einmal über die anstehenden Aufgaben nachzudenken, statt planlos mit der Arbeit zu beginnen. Was will ich bis heute 17:00 Uhr schaffen? Dabei ist es einfacher sich Anfangs kleinere Ziele zu setzen, da es schnell demotiviert, am Abend seine Ziele wieder einmal nicht erreicht zu haben. Klare Ziele sind wichtig, um Flow erleben zu können, sie dürfen allerdings nicht zur Belastung werden. Ein typisches Beispiel ist die Kreativblockade, während eines Projektes, dass ohnehin stressig ist. Die Deadline rückt unaufhörlich näher und unsere Gedanken kreisen nur um diese eine Sache. Woche um Woche vergeht und die zündende Idee will einfach nicht kommen. Ich löse diese Blockaden am besten mit Ruhe. Keine Musik auf den Ohren, kein E-Mail-Programm im Hintergrund geöffnet, Smartphone auf lautlos. Keine Ablenkung. Einfach hinsetzen und anfangen. Ich höre nur mein eigenes Tippen auf der Tastatur, sonst nichts. Wenn du die ersten 10 Minuten geschafft hast, ohne dich ablenken zu lassen, läuft die Sache.

3. Konzentration auf eine einzige Tätigkeit

Heutzutage ist vermutlich eines der größten Hindernisse, um in Flow zu geraten, die Vielfalt der Informations- und Unterhaltungstechnologien. Folgendes Szenario ist mit Sicherheit keine Seltenheit: Wir schreiben eine E-Mail, hören gleichzeitig Musik, ein Chatfenster springt auf mit einer Nachricht vom Kollegen, wir antworten, dann meldet sich das Smartphone und wir reagieren. Schließlich wenden wir uns wieder unserer eigentlichen Aufgabe zu und wissen gar nicht mehr, was wir noch 5 Minuten zuvor tun wollten. Oft glauben wir, durch die Verbindung mehrerer Tätigkeiten Zeit sparen zu können, doch laut wissenschaftlichen Untersuchungen ist das Gegenteil der Fall. Selbst Menschen, die sich für gute Multitasker halten, sind nicht sonderlich produktiv, eher sogar besonders unproduktiv. Unser Gehirn ist in der Lage, Millionen von Bits an Informationen zu filtern, schafft es aber höchstens, ein paar Dutzend Bits pro Sekunde seriell zu verarbeiten. Was wir als Multitasking bezeichnen, ist im Grunde nur ein sehr schneller Wechsel von einer zur anderen Tätigkeit. Der Mensch ist nunmal kein Computer. Sich auf eine Tätigkeit zu konzentrieren ist vielleicht die wichtigste Voraussetzung, um einen Flowzustand zu erreichen.

Wie bei so vielen Dingen im Leben, muss jeder für sich die optimalen Bedingungen schaffen, um schlussendlich in den Flow zu kommen. Einmal erlebt, wollen wir diesen Zustand immer wieder erleben. Leidenschaft für eine Sache, Konzentration und feste Ziele helfen uns dabei. Und wie auch schon Bruce Lee einst sagte: »Sei Wasser mein Freund.«

* Mihály Csíkszentmihályi