...Freitags sind wir nie da: Unsere Erfahrung mit der 4-Tage-Woche

Nur 4 Tage die Woche arbeiten und 3 Tage Wochenende genießen, ohne Abzüge – klingt großartig? Ist es auch. 😊 Warum wir uns für die 4-Tage-Woche entschieden haben und wie diese Veränderung in der Praxis aussieht, erfahrt ihr in unserem Erfahrungsbericht.

Vor ziemlich genau eineinhalb Jahren entschieden wir uns, auf die 4-Tage-Woche umzusteigen, bei vollem Gehalt und ohne Reduzierung der Urlaubstage. Seither ist uns bezüglich dieser internen Veränderung viel Aufmerksamkeit durch Zeitschriften, Magazine und Tageszeitungen zuteil geworden, da das Interesse der Gesellschaft an neuen, flexibleren Arbeitsmodellen anscheinend recht groß ist. Das Problem: In Deutschland mahlen die Mühlen aufgrund der komplexen Organisationsstrukturen und der hohen Bürokratie im Vergleich zu anderen Ländern bekanntlich deutlich langsamer. Während also ein international-agierendes Unternehmen wie Microsoft in Japan* eine 4-Tage-Woche für ihre Mitarbeiter einführt, diskutieren deutsche Konzerne immer noch über das Für und Wider von Home-Office. 


Die 5-Tage-Woche ist ein veraltetes Modell

1967 wurde offiziell die 40-Stunden-Woche eingeführt. Fortan hatten die meisten Arbeitnehmer von Montag bis Freitag jeweils 8 Stunden Arbeit zu leisten. Aber ist dieses Modell wirklich noch zeitgemäß, angesichts der jährlich steigenden Anzahl an Freiberuflern, Anträgen für Teilzeit, Gleitzeit, für arbeitende Mütter, Väter, neben dem Beruf Studierende und allen Anderen, deren hauptsächliches Leben von Montag bis Freitag durchgetaktet ist? Wichtige Besorgungen werden freitagabends nach der Arbeit, oder samstagmorgens erledigt, Behördengänge oder Arzttermine gehen nicht ohne Genehmigung vom Chef. Und wann haben wir Zeit für unsere Familie, Freunde, wann tun wir etwas positives für unsere Gesundheit, wann haben wir die nötige Konzentration und Motivation, um uns auch in unserer Freizeit zu einem bestimmten Thema weiterzubilden? Und der Haushalt? Sonntag, richtig? Wir fanden es wurde Zeit für eine Entschleunigung.  


Mehr Lebensqualität für mehr Produktivität

Natürlich sind wir ein wirtschaftliches Unternehmen und müssen entsprechend verantwortungsbewusst handeln. Wir haben eine Verpflichtung unseren Kunden und Mitarbeitern gegenüber. Ressourcen müssen geplant, Deadlines und Ziele eingehalten werden. Nichtsdestotrotz war der Freitag früher ein Tag, an dem alle bereits gedanklich längst im Wochenende waren. Freitags war stets der unproduktivste Tag der Woche – neben Montag. Und so beschlossen wir die 4-Tage-Woche in einem 6-monatigen Testlauf auf die Probe zu stellen und erklärten den Freitag zum »Frei-Tag«. Als Dienstleister machten wir uns natürlich besonders Gedanken darüber, wie unsere Kunden auf die Veränderung reagieren würden und richteten sicherheitshalber eine Art »Notfall-Verteiler« ein, falls es am Freitag doch mal irgendwo brennen sollte. Der Moment, indem wir unsere Kunden über die Veränderung offiziell in Kenntnis setzten, war wohl mit Abstand der nervenzerreißendste Moment. Nachdem wir uns bereits das Schlimmste ausgemalt hatten, entschieden wir uns einfach eine freundliche E-Mail aufzusetzen, um die Sache nicht noch weiter an die große Glocke zu hängen. Hier der Wortlaut der E-Mail, die an alle unsere Kunden gesendet wurde: 


Hallo zusammen, 


ich möchte euch auf diesem Wege über eine kleine Änderung unserer Geschäftszeiten informieren. 

Bei young and hyperactive wird der Freitag ab April tatsächlich wieder ein Frei-Tag sein. Kein Witz. Was bei Agenturen wie Frische Fische, Digital Enabler, oder dem innovativen Telefonieanbieter sipgate schon seit Jahren erfolgreich funktioniert, stellen wir nun ab sofort für ein halbes Jahr auf den Prüfstand. Für euch als Kunden entsteht hierdurch kein Nachteil. Es geht uns nämlich nicht darum einfach weniger zu arbeiten - im Gegenteil. Der Freitag als „optionaler Arbeitstag“ bei gleichbleibenden Gehältern soll die Zufriedenheit im Team erhöhen, sowie die Motivation und Qualität steigern. Wir wollen effizienter werden, denn schließlich müssen wir 36 Qualitätsstunden in 4 Arbeitstagen leisten. Und auch wenn am Freitag für die Meisten schon Wochenende ist, werden wir sicherstellen, dass in dringenden Fällen immer ein Ansprechpartner telefonisch oder per Mail erreichbar ist.  


Wir wollen mit young and hyperactive zu einem modernen Unternehmen heranwachsen, welches seinen Mitarbeitern durch ein flexibles Arbeitszeitmodell einen besseren Ausgleich zwischen Familie und Berufsleben ermöglicht. Und dies kommt schlussendlich auch unseren (euren) Projekten zu Gute. 


Für weitere Informationen zum Modell oder Fragen stehe ich euch jederzeit zur Verfügung. 



Mit besten Grüßen, 

Nadine Mohr


Überrascht mussten wir feststellen, dass diese Idee sehr positiv aufgenommen wurde und durch gute Organisation war auch kein Problem jemals an einem Freitag so groß, dass es nicht bis Montag hätte warten können. Durch den einen zusätzlichen freien Tag kamen wir besonders am Anfang deutlich erholter aus dem Wochenende zurück und waren somit auch montags wieder deutlich effizienter und konzentrierter. Eineinhalb Jahre später will niemand von uns mehr zur klassischen 5-Tage-Woche zurück. Wir schätzen unser verlängertes Wochenende sehr und es trägt maßgeblich zu einer verbesserten Work-Life-Balance bei. 


Wie wir uns innerhalb einer 4-Tage-Woche organisieren

Nachdem unser Testlauf so erfolgreich verlief, änderten wir die Arbeitsverträge entsprechend der neuen Arbeitszeiten, ohne jedoch die Gehälter oder den Urlaubsanspruch zu kürzen. Somit erhielt jeder Mitarbeiter nicht nur durch die Reduzierung der Wochentage automatisch einen Tag länger Wochenende, sondern automatisch auch mehr Urlaub. Einen kleinen Wermutstropfen hat die Sache allerdings doch: Da uns ein kompletter Tag in der Woche verloren geht, arbeiten wir an einem Arbeitstag 9 Stunden, anstelle der üblichen 8 Stunden. So fehlen am Ende der Woche effektiv nur 4 Stunden. Die zusätzliche Stunde fällt auch kaum auf, wenn man morgens einfach eine halbe Stunde eher zur Arbeit kommt und abends eine halbe Stunde später geht. Dafür werden wir mit einem zusätzlichen Tag ‘frei’ belohnt und in der Bilanz fallen diese fehlenden 4 Stunden auch nicht weiter auf.
Eine 36-Stunden-Woche muss natürlich auch etwas anders geplant sein, um unnötigen Stress vorzubeugen. Denn die Arbeit wird ja nicht weniger. Eine unserer Regeln lautet daher: Wichtige Entscheidungen bis Ende der Woche, damit die Woche darauf effizient gearbeitet werden kann und keine Deadlines für Montag, da dies hundertprozentiges Arbeiten am Wochenende bedeutet. Unsere Projekte werden für eine 4-Tage-Woche vorausschauend geplant und mit dem Kunden abgestimmt. Am Ende jeder Woche erhält der Kunde von uns einen neuen Zwischenstand, den er Freitags mit seinem Team wiederum besprechen kann. Und es funktioniert wirklich problemlos. 


Eineinhalb Jahre später…

Wenn wir zu einem neuen Kunden fahren, um uns und unser Unternehmen vorzustellen, sprechen wir die 4-Tage-Woche ganz offen an. Die Reaktionen sind meist verblüfft, gefolgt von Scherzen, dass man dieses System auch im eigenen Unternehmen mal ansprechen sollte. Wir lachen dann immer, da es uns tatsächlich einen besonderen Status verleiht, den viele gerne mit uns teilen würden. Wir hatten bis heute keine negative Erfahrung oder irgendwelche negativen Auswirkungen im Bezug auf die 4-Tage-Woche und können sie daher jedem Unternehmen ans Herz legen, welches eigenverantwortlich handeln kann. Noch heute fühlt sich ein Samstag an wie ein Sonntag und wir freuen uns jedes Mal über das positive Gefühl noch einen Tag länger frei zu haben. Auch wenn wir unseren Job wirklich gerne machen, glauben wir daran, dass die Arbeit im Leben nicht alles ist und dass wir bessere Arbeit produzieren, wenn wir zufrieden und ausgeglichen sind. 


Wenn ihr Fragen zur 4-Tage-Woche habt, könnt ihr uns gerne eine Nachricht schreiben, wir werden gerne unsere Erfahrungen mit euch teilen – nur nicht freitags, da sind wir nämlich nicht da. ;) 



*In Japan gilt grundsätzlich die 40-Stunden-Woche, allerdings besagt eine Studie, dass mehr als 80 Stunden die Woche bei jedem vierten Unternehmen üblich sind. Die Zahl der Selbstmorde aufgrund von Überarbeitung lag nach Daten der Polizei und Regierung 2015 bei 2159. Es gibt in Japan sogar ein eigenes Wort hierfür: Karōshi (jap. 過労死, Tod durch Überarbeiten)



Unser Interview zum nachlesen: 

Page-Online: Freitags frei bei gleichem Gehalt

Stern: 4-Tage-Woche – So stellte eine Agentur den Büroalltag um

KSTA: Bei vollem Gehalt: So funktioniert die 4-Tage-Woche für alle Angestellten

onlinemarketing.de: 4-Tage-Woche – Wer weniger arbeitet ist produktiver und glücklicher

mainpost.de: Kölner Agentur führt 4-Tage-Woche ein